Der Sturm
Außerdem: Welche Geschichte hat die Umfrage gewonnen?
Hallo Welt!
Heute gibt es eine ältere Kurzgeschichte von mir.
Wer meinen April-Newsletter gelesen hat weiß, dass zwei meiner, in Ausschreibungen eingereichten Geschichten aus 2025, noch offen waren.
Die gute Nachricht: Eine von ihnen wurde angenommen 🥳
Die schlechte Nachricht: Die Ausschreibung wurde inzwischen abgesagt, weil der Verlag dicht macht.
Das ist natürlich für alle Beteiligten furchtbar schade, ich versuche jetzt aber das Beste daraus zu machen und präsentiere euch nun hochoffiziell die erste (quasi) veröffentlichungswürdige Kurzgeschichte im Wörterwald 🎉🎊
Wir ignorieren auch elegant, dass mir das ganz gelegen kommt, weil ich noch immer zu beschäftigt mit Dissertation und Buch bin, um den eigentlichen Newsletter fertig zu bekommen 🙃 Der kommt dann nächstes Mal, versprochen!
Jetzt wünsche ich euch viel Spaß mit meiner Science-Fiction Kurzgeschichte namens:
Der Sturm
Als die ersten Gewehrkugeln knapp an ihrem Kopf vorbeizischten, verfluchte Becky zum wiederholten Male an diesem Tag ihr Pech.
Sie gab Eisenwind, ihrem mechanischen Pferd, die Sporen und drückte einen Knopf an dessen Hinterkopf. Eisenwinds grüne Augen leuchteten auf und Dampf entwich seinem Kopf, ähnlich dem Schnauben eines echten Pferdes, als zusätzliche Energie in seine Extremitäten strömte und er in einen schnellen Galopp überging.
Becky klammerte sich an den Haltegriffen am Hals ihres Reitgefährts fest, um nicht abgeworfen zu werden.
Weitere Kugeln wurden in ihre Richtung abgefeuert, doch diese schlugen harmlos in den roten Felsen des Canyons um sie herum ein.
Becky wagte einen kurzen Blick über die Schulter und atmete erleichtert auf. Die Banditen fielen zurück, ihre echten Pferde konnten nicht mit dem mechanischen Pferd eines Postreiters im vollen Galopp mithalten. Gleich würde sie außerhalb der Reichweite ihrer Gewehre sein.
Trotzdem fluchte Becky erneut über ihr Pech.
„Ich hätte einfach nein sagen sollen“ murmelte sie zu sich selbst und wusste, dass sie das niemals getan hätte.
Ab dem Moment, als die Nachricht über einen anstehenden radioaktiven Sturm die Stadt erreichte, wusste Becky, dass sie gefragt war. Sie war die schnellste und erfahrenste Postreiterin in der Gegend. Nur sie war in der Lage Deep Down, eine kleine Minensiedlung, rechtzeitig zu erreichen und vor dem Sturm zu warnen. Aber das war nur zu schaffen, wenn sie den Räubercanyon durchquerte, einen Banditen-verseuchten Abschnitt, den Postreiter sonst weiträumig umgingen.
Also raste sie in einer halsbrecherischen Geschwindigkeit durch den Canyon, gejagt von dessen barbarischen Bewohnern, die gerade eine letzte Salve auf sie abschossen.
Kugeln pfiffen durch die Luft, plötzlich verspürte Becky einen scharfen Ruck auf ihrer linken Seite.
Sie blickte nach unten und riss vor Schreck ihre Augen auf.
Auf ihrer hellbraunen Lederkluft breitete sich ein dunkler Fleck aus.
Sie haben mich getroffen, stellte sie entsetzt fest und im selben Moment kam der Schmerz.
Heiß wie eine Stichflamme durchzuckte er ihren Körper und raubte ihr fast das Bewusstsein.
Mit zusammengebissenen Zähnen krallte Becky sich an Eisenwinds Hals und blinzelte hektisch die Schmerzenstränen weg, damit sie freie Sicht hatte.
Der Canyon hatte einige scharfe Kurven und wenn Eisenwind in diesem Tempo gegen eine Felswand donnerte, war eine Schusswunde Beckys kleinstes Problem.
Was nicht bedeutete, dass die Wunde nicht unfassbar schmerzte. Sie spürte, wie ihr warmes Blut am Hosenbein entlanglief und feuerte eine weitere Schimpftirade auf die Banditen, sich selbst und die Welt im Allgemeinen ab.
Dabei hatte sie ihren Traumjob gefunden.
Die Postreiter reisten von Siedlung zu Siedlung und überbrachten Nachrichten, Wünsche, Befehle und Warnungen. Sie verbanden die Menschen in der Wüste, zeigten ihnen, dass sie nicht allein waren inmitten der Ruinen der alten Welt.
Sie sahen die ganze Vielfalt und Schönheit der Erde und nicht nur die verdreckten Straßen ihres Geburtsortes und denselben öden Job tagein tagaus. Seit zehn Jahren war Becky nun schon Postreiterin. War sie in gefährliche Situationen geraten oder verletzt worden? Sicherlich, denn davor war kein Postreiter gefeit.
Trotzdem hatte sie keinen einzigen Moment bereut. Auch wenn sie gerne in Situationen wie diesen über ihre Lebensentscheidungen fluchte. Sie dachte an die vielen schönen Erinnerungen, wenn sie Menschen Briefe von ihren Liebsten oder dringend benötigte Medikamente brachte.
Das linderte ihren Schmerz ein wenig.
Blut quoll weiterhin aus ihrer Seite, die Wunde war schlimmer als gedacht. Becky unterdrückte die aufkeimende Panik und fokussierte sich auf ihre Aufgabe.
Schon bald hatte sie das Ende des Räubercanyons erreicht.
Die Banditen waren weder zu sehen noch zu hören, Becky hatte sie erfolgreich abgehängt.
Sie gestattete sich ein schwaches Lächeln und führte Eisenwind auf eine weite Ebene, den letzten Abschnitt ihrer Reise.
Sie warf einen Blick nach Westen und erschrak. Der Sturm war bereits näher als gedacht.
Ein gewaltiger Wolkenberg aus grün-grauen Schattierungen türmte sich dort auf, Wolken wirbelten wie an Schnüren gezogen kreisförmig umeinander und selbst auf dieser Entfernung war die Wand aus radioaktivem Regen zu erkennen. Helle Blitze zuckten unermüdlich aus den Wolken hervor, Donner grollte über die Ebene. Wie eine Welle zog der Sturm quer übers Land, füllte bereits den gesamten westlichen Horizont aus und verdunkelte die Nachmittagssonne. In wenigen Stunden würde es stockfinster sein, trotz des langen Sommertages.
Das war kein normaler radioaktiver Sturm, wie ihn die Erde seit dem Untergang der alten Welt regelmäßig erlebte.
Deep Down stand ein Jahrhundertsturm hervor, der alles in seinem Weg vernichtete.
Aus vorherigen Besuchen wusste Becky, dass es dort einige Schutzbunker gab, doch alle Einwohner mussten sich dort verbarrikadieren, bevor der Sturm sie erreichte. Bei diesen Sturmwinden war die starke Radioaktivität oder der saure Regen das kleinste Problem.
Becky trieb Eisenwind zu noch schnellerem Tempo an.
Er galoppierte inzwischen mit Höchsttempo und die kleine rote Nadel auf dem Tacho für seine Kerntemperatur näherte sich langsam der kritischen Temperatur. Dampf entwich in großen Stößen aus den künstlichen Nüstern.
Pfeilschnell schossen sie über die Ebene, geradewegs auf eine kleine Hügelkette zu, die das Verhängnis von Deep Down sein würde, sollte Becky es nicht rechtzeitig schaffen. Die Minensiedlung lag direkt hinter dem größten der Hügel und konnte den westlichen Horizont nicht sehen.
Becky spürte ihre Kräfte schwinden, denn sie hatte keine Möglichkeit, während dem Ritt ihre Blutung zu stillen. Ihr Hosenbein war inzwischen getränkt vor Blut und nach und nach verlor sie das Gefühl in ihren Beinen.
Am Fuße des Hügels stießen sie auf die Überreste eines befestigten Weges, der sich durch abgestorbene Bäume zum Gipfel hinaufschlängelte.
Becky verringerte Eisenwinds Tempo, um Druck von seinem Kraftwerk zu nehmen. Bei den vielen Kurven des Weges wäre ein voller Galopp ohnehin nicht möglich gewesen.
Doch die starke Steigung ließ Eisenwinds Kerntemperatur nicht sinken, er brauchte zu viel Energie, um den Hügel zu erklimmen.
Seine Augen leuchteten hell in der immer dunkler werdenden Umgebung, Dampf strömte unablässig aus seinem Kopf. Wäre er ein echtes Pferd, würde er stark schnaufen, am ganzen Körper schwitzen und womöglich lahmen.
Becky drehte seine Energiezufuhr so weit zurück, wie sie es sich erlauben konnte, ohne deutlich an Geschwindigkeit zu verlieren.
Ein radioaktiver Sturm konnte bis zu einigen Tagen andauern, also wären die beiden sowieso für einige Zeit in Deep Down gefangen. Da kann Eisenwind wieder abkühlen und seine Vorräte an Brennstoff und Kühlwasser auffüllen.
Becky verdrängte jeden Gedanken daran, dass ihr selbst mit einer so gravierenden Wunde eine lange Pause bevorstand.
Allmählich wurden ihre Finger taub und sie bekam Probleme, ihren Blick zu fokussieren.
Nicht mehr weit, dachte sie sich. Da vorne ist der Gipfel, dann über die Brücke und schon sind wir da. Ein paar Minuten noch.
Eisenwind erreichte den Gipfel, überquerte die kleine plattgetretene Fläche mit dem abgebrochenen Gipfelkreuz und bot Becky einen Blick auf ihr Ziel.
Deep Down hatte sich nicht verändert, noch immer eine Ansammlung von Hütten, die sich an die Felswände einer kleinen Schlucht schmiegten. Menschen wuselten dazwischen umher, gingen ihrem Tagesgeschäft nach, ohne zu ahnen was ihnen schon bald blühte.
Donner grollte hinter ihr, der lauteste bisher.
Jetzt nicht nachlassen, dachte Becky sich und ließ Eisenwind wieder beschleunigen. Der Zeiger auf dem Tacho war nur noch Millimeter von der kritischen Schwelle entfernt.
Der kurze, gerade Weg den Hügel hinab trieb ihr die Tränen in die Augen. Ihr Atem ging nur noch stoßweise und die Ränder ihres Blickfeldes färbten sich bereits schwarz.
Die Menschen aus Deep Down hatten sie bemerkt und strömten heran. Ein mechanisches Postreiter-Pferd im Galopp brachte selten gute Nachrichten.
Mit zusammengebissenen Zähnen flogen Becky und Eisenwind über die lidschäftige Brücke.
Dann auf einmal war sie in Deep Down.
Becky drosselte das Tempo auf einen langsamen Schritt und ließ Eisenwind schließlich halten. Seine Kerntemperatur fiel augenblicklich, ein gutes Zeichen, er hatte die kritische Schwelle wohl nicht überschritten.
Erleichtert griff sie nach der gepolsterten Tasche an Eisenwinds Seite. Postreiter hatten solche wichtigen Warnungen immer schriftlich bei sich, sollte ihnen etwas zustoßen.
Becky keuchte stark und die schwarzen Ränder ihres Blickfeldes wurden immer größer.
Ihre Finger gehorchten ihr kaum noch, sie hatte Schwierigkeiten, die Tasche zu öffnen.
Am Rande hörte sie fragende Stimmen, dann erschrockene Ausrufe.
Man hatte das Blut an ihrer linken Seite bemerkt.
Sie hörte gebrüllte Befehle, Hektik kam auf und Schritte näherten sich schnell, doch ihre Aufmerksamkeit galt der verflixten Tasche.
Endlich war der Verschluss offen.
Mit zittrigen Fingern holte sie den Briefumschlag hervor.
„Sturm“ krächzte sie und streckte den Bewohnern den Brief entgegen. Ihre Finger hinterließen blutige Abdrücke auf dem Papier.
Ich habe es geschafft, dachte sie sich erleichtert. Deep Down ist gerettet.
Hände wurden helfend nach ihr ausgestreckt, doch Becky hatte endgültig die Kraft verlassen. Sie spürte, wie sie vom Sattel rutschte und die Welt um sie herum wurde schwarz.
Gewinner der Sci-Fi Kurzgeschichten Umfrage
In meinem letzten Newsletter habe ich euch drei Pitches für Kurzgeschichten präsentiert und ihr durftet wählen, welche davon ich schreiben soll.
Erstmal DANKE, dass so viele mitgemacht haben! Die Anzahl der abgegebenen Stimmen ist zweistellig und mir haben sogar einige von euch privat geschrieben, das hat mir sehr gefreut!
Zweitens bin ich sehr froh, dass jeder Pitch mehrere Stimmen bekommen hat, also war wohl keiner so grausig, dass ihr nichts davon wissen wollt 😆
So, nun zum Kern des ganzen: Die Gewinnergeschichte mit insgesamt sieben Stimmen ist….
Giganten des Windes
Hier nochmal der Gewinner-Pitch:
Kilas Vater sagt immer, sie soll niemals das Dorf verlassen. Als sie es doch tut, beschwört sie eine große Gefahr herauf, die alles, was sie liebt, zu vernichten droht. Nur eine uralte Technologie, versteckt im Dorf, kann diese Katastrophe verhindern. Doch niemand weiß, wie diese funktioniert und welche Rolle spielen die Windräder des Dorfes dabei?
Ihr habt euch für die Solarpunk-Geschichte entschieden und die bekommt ihr auch! Bis zum September-Newsletter müsst ihr euch allerdings noch gedulden.
Wörtersaat
Projekt 1: Der Wald der Padan
Zwischenstand: wird 2026 veröffentlicht 🥳😍
Es fällt mir Monat für Monat schwerer, hier nicht mit unveröffentlichten Sachen raus zu platzen! Ich hab so Bock, euch endlich das fertige Buch zu präsentieren, aber bis es endlich soweit ist, kann ich euch nur weiter vertrösten. Das Warten lohnt sich, versprochen!
Projekt 2: Sintara
Zwischenstand: 19.217 Wörter 💪
Der vierte Monat in Folge nicht ein Wort geschrieben 😭. Dabei habe ich mir tatsächlich ein wenig Zeit freischaufeln können, die habe ich aber für Wörterwald und Projekt 3 ⬇️ genutzt. Ach und an einer Überraschung, aber da müsst ihr euch auch noch etwas gedulden.
Projekt 3: Kurzgeschichten
Ich habe tatsächlich noch eine Kurzgeschichte (zu Ende) geschrieben und eingereicht. Eigentlich wollte ich das dieses Jahr nicht machen (u.A. aus Zeitgründen 😅), doch ich hatte eine halbfertige Geschichte, die zum Thema passte und es war für eine Charity-Anthologie, das sind zu viel Dinge, bei denen ich nicht nein sagen konnte.
Kurze Ankündigung für den nächsten Newsletter:
Eigentlich ist der 1. August gleichzeitig auch der erste Samstag im Monat und damit Wörterwald-Tag. Weil ich allerdings in der vorherigen Woche nicht daheim bin, verschiebt sich der Newsletter um eine Woche. Der nächster Beitrag erscheint also erst am 8. August ☺️
Vielen Dank fürs Lesen und bis bald!
Marcel
Titelbild: Nikolas Noonan @ Unsplash

